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AD(H)S besser verstehen

Einleitung zu Wissenswertes

Unser Ziel ist es, hier kurz und präzise über aktuelle Diagnose-, Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten sowie aktuelle (wissenschaftliche) Erkenntnisse zum Thema AD(H)S zu berichten. Wissenswertes eben.

Diagnosekriterien

Typische Erscheinungsformen und Symptome

Neben den Ihnen sicherlich bekannten Kernsymptomen der (Un-)Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gibt es natürlich weitere, oft nicht auf den ersten Blick erkennbare Denk- und Verhaltensmuster, die ebenfalls in Zusammenhang mit AD(H)S stehen können.

Gemäß DSM 5 ergeben sich acht zentrale Symptome:

  • > Unaufmerksamkeit (Ablenkbarkeit und Konzentrationsprobleme, nicht aber Taskwechselprobleme)
  • > Vergesslichkeit
  • > Desorganisation
  • > Hyperaktivität
  • > Impulsivität
  • > Ungeduld
  • > Inneres Getriebensein
  • > Übermäßiges Reden

Diese acht Symptome unterscheiden AD(H)S besonders gut von Nichtbetroffenen und von anderen Störungsbildern. Natürlich gibt es weitere und zum Teil für Betroffene wesentlich mehr im Vordergrund stehende Symptome, wie zum Beispiel emotionale Dysregulation.

1. Motorische Probleme (Hyperaktivität) finden sich gegenüber Kindern seltener bei Erwachsenen und lässt im Alter um ca. 60% nach. Typische Anzeichen sind: Fußwippen, an sich „rumnesteln“, Fingerkauen, ständig etwas in der Hand haben oder unter Anspannung sehr darauf zu achten, sich nicht zu bewegen (Beine z. Bsp. um den Stuhl „knoten“)

2. Antriebsprobleme (innere Unruhe vs. Antriebslosigkeit) stellen sich häufig verschieden dar: einerseits beschreiben Betroffene eine regelrechte Aversion gegen Ruhe bzw. Stillstand und sind „ständig auf Achse“ oder sie fühlen sich maximal erschöpft und kaum noch dazu in der Lage, Alltägliches zu bewältigen. Nicht selten wechseln sich diese Zustände rasch ab und erzeugen einen hohen Leidensdruck

3. Impulsivität (Inhibitionsprobleme) stellt sich bei Erwachsenen oft durch „unüberlegte“ Handlungen oder Entscheidungen dar. Hierzu zählen Spontankäufe, das spontane Aufnehmen oder Beenden von Beziehungen oder beruflichen Aktivitäten und Projekten sowie Unbekümmertheit in gefährlichen Situationen. Zudem erscheinen Betroffene rasch begeisterungsfähig und müssen ihre Ideen unmittelbar mitteilen bzw. reagieren rasch gekränkt.

Die Aufmerksamkeit bei AD(H)S unterliegt eher einem abweichenden Aktivierungsprofil, wie es bei Stress hilfreich wäre ansonsten aber eher nachteilig ist. Probleme der Aufmerksamkeit entstehen aus einer mangelhaften Aufmerksamkeitsregulation, da sie im wesentlichen motivationsgesteuert ist. Untersuchungen legen nahe, dass diese v.a. Interessensbasierte Aufmerksamkeitsstörung durch einen Dopaminmangel im Verstärkungssystem des Gehirns ausgelöst wird.

Demgegenüber steht der Hyperfokus, der eine sehr starke Konzentrationsfähigkeit bei der Ausübung von Tätigkeiten darstellt und vor allem dann auftritt, wenn Betroffene sehr interessiert sind. Damit geht häufig eine herabgesetzte Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber ablenkenden Reizen einher. Die Betroffenen wirken dann für Außenstehende völlig unaufmerksam und verträumt.

Bei AD(H)S gibt es verschiedene Probleme im Bereich der Organisation und Durchführung von Aufgaben und Aktivitäten. Dazu zählen auch Schwierigkeiten, ein geplantes zukunftsgerichtetes Handeln umzusetzen. Zu den Symptomen gehören Desorganisation, ein „Leben voller unfertiger Projekte“ und mangelnder Überblick bei der Organisation von Aufgaben. Demgegenüber stehen zwanghaft anmutende Planung und ein hohes Maß an (erzwungener) Unflexibilität bzw. große Angst vor Veränderungen.


Betroffene haben häufig auch Schwierigkeiten zwischen wichtigen und unwichtigen Aufgaben zu unterscheiden. Das Wegwerfen von Dingen fällt ihnen schwer – schließlich „könnte es später noch wichtig sein“. Termine und Absprachen werden oft vergessen oder werden zwanghaft und akribisch notiert, da sie sonst schnell vergessen werden. Auch das Setzen von Prioritäten stellt sich als erhebliches Problem dar, alles erscheint „irgendwie gleich wichtig“. Im Rahmen der subjektiven Überforderung wird dann meist aufgeschoben bzw. die interessanten Dinge zuerst erledigt.

In der Wissenschaft werden vermehrt neurophysiologische Bedingungsfaktoren diskutiert, wie zum Beispiel Probleme des Arbeitsgedächtnisses im dorsolateralen präfrontalen Kortex (dlPFC) aufgrund eines Dopamin- und Noradrenalinmangels. Chronischer und akuter Stress können diese Exekutivprobleme zusätzlich verstärken.

Diagnosekriterien II

Weitere nennenswerte Symptome, Beeinträchtigungen & Begleiterscheinungen

Die nachfolgenden Punkte stellen nur eine Selektion dar und helfen oft, ein vertiefendes Verständnis um die individuelle Ausprägung des jeweiligen Störungsbilds zu erhalten.

Da es Betroffenen im Rahmen ihrer einerseits bestehenden Unaufmerksamkeit und Unachtsamkeit und andererseits bestehenden Impulsivität oft schwer fällt, die Grenzen anderer zu wahren, kommt es oft zu Ausgrenzungs- und Ablehnungserscheinungen. AD(H)Sler fallen häufig ins Wort, berichten am liebsten euphorisch von ihren eigenen Erlebnissen und Gedanken und wirken umgekehrt desinteressiert und abgelenkt beim Zuhören.

AD(H)Sler:innen wirken zudem oft distanzgemindert („das Herz auf der Zunge“) oder – je nach Sozialisierung und Vorerfahrungen – stark gehemmt und zurückgezogen. Erwachsene ADHS-Betroffene haben Schwierigkeiten, Probleme in sozialen Situationen zu lösen, insbesondere aufgrund von Ängsten vor sozialer Interaktion. Mädchen und Frauen mit AD(H)S zeigen häufiger einen sozialen Rückzug und haben mehr Schwierigkeiten, anerkannt zu werden.

Substanzgebundene Suchtprobleme sind ein mögliches Symptom von unbehandeltem AD(H)S. Bei Alkoholsucht ist das Risiko für AD(H)S bei jungen Männern um das 5,3-Fache erhöht. Beim Cannabiskonsum kann es eine selbstmedikamentierende Komponente geben, jedoch ist medizinisches Cannabis nur in seltenen Fällen eine geeignete Behandlungsmöglichkeit. Im Bereich der nicht substanzgebundenen Suchterkrankungen zeigt sich eine deutlich ausgeprägtere Bildschirmzeit (Videospiele, Mobilgeräte/Social Media usw.) als Folge, aber nicht als Ursache.

AD(H)S geht häufig mit sogenannter „emotionaler Dysregulation“ einher, was nichts anderes bedeutet als das es Betroffenen wesentlich schwerer fällt als anderen, ihre eigenen Gefühle a) wahrzunehmen und b) zu steuern (= zu regulieren).

Emotionale Dysregulation kann sich in Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, sozialen Schwierigkeiten, Konflikten in Beziehungen sowie Selbstwahrnehmungs- und Selbstwertproblemen zeigen. Betroffene haben oft Stimmungsschwankungen, die durch Inaktivität (nichts zu tun zu haben) noch verstärkt werden können. Die Stimmung ändert sich schnell und ist oft intensiver als bei Nichtbetroffenen.

Reizbarkeit und Affektdurchbrüche sind häufige Symptome bei ADHS. Betroffene können schnell gereizt und aggressiv reagieren. Diese Symptome hängen eng mit Impulsivität zusammen. Sie können Schwierigkeiten haben, mit Frustration umzugehen (Frustrationsintoleranz). Selbstwahrnehmungsstörungen wie Alexithymie (verringerte Gefühlswahrnehmung) und Anhedonie (verringerte Freudewahrnehmung) kommen ebenfalls häufig vor.

Schlafprobleme finden sich bei mindestens 75% der AD(H)S Betroffenen. Insbesondere das Einschlafen erscheint gestört aufgrund von häufigem und langen Gedankenkreisen sowie der herabgesetzten Fähigkeit, sich selbst „runter zu regulieren“. Mangelnder Schlaf kann oft einen Teufelskreis in Gang setzen, da zu kurzer Schlaf die Konzentration und Merkfähigkeit negativ beeinflusst. Etwa 2/3 Drittel aller Betroffenen berichten Schwierigkeiten beim Einschlafen.

Desweiteren finden sich circadiane Rhythmik Probleme bzw. ein veränderter Schlaf-Wach-Rhythmus bei Menschen mit AD(H)S. Diese bleiben dann gern lange auf (abends/nachts deutlich weniger Reize im außen) und schlafen lange.

AD(H)S und Essstörungen sind zwei häufige psychische Erkrankungen, die sich gegenseitig beeinflussen können. Menschen mit ADHS haben ein erhöhtes Risiko für Essstörungen, und Menschen mit Essstörungen haben ein erhöhtes Risiko für ADHS. In aktuelleren wissenschaftlichen Diskursen wird davon ausgegangen, dass die Dunkelziffer vor allem bei Frauen und Mädchen mit Essstörung, die eigentlich an einem AD(H)S leiden, sehr viel höher ist, als gedacht.

Typische Formen bei Essstörung und AD(H)S sind Binge Eating (Essattacken, vor allem nachts) oder Bulimia Nervosa (nach Essattacken hungern „müssen“, exzessiv Sport machen oder Erbrechen).

Was es sonst noch zu sagen gibt:

Folgen von AD(H)S

AD(H)S ist bei Erwachsenen mit bis zu acht Prozent Betroffenen eine häufige Störung – oft wird sie jedoch nicht diagnostiziert und bleibt unbehandelt. Häufig suchen Betroffene ärztliche oder therapeutische Hilfen erst auf, wenn der Leidensdruck wächst und sich andere Erscheinungsformen entwickeln (sogenannte Komorbiditäten bzw. Begleiterkrankungen). Dazu zählen zum Beispiel Depressionen, Suchterkrankungen, Angst- und Panikstörungen. Unglücklicherweise wird dann oft nur gezielt das „Symptom“ und nicht die eigentliche Ursache behandelt.

Gesundheitliche Auswirkungen

  • Verringerte Lebenserwartung um 9 bis 13 Jahre möglich
  • erhöhtes Risiko von Suchterkrankungen
  • Erhöhtes Risiko von Suizid, (Verkehrs-)Unfällen, schweren Verletzungen und Knochenbrüchen
  • Erhöhtes Risiko von Kriminalität und Gewalt (v.a. bei Männern)

Typische Begleiterkrankungen

Zu den typischen Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) zählen u.a. Depressionen (4,12-fach erhöhtes Risiko!), Essstörungen (3,6-fach erhöht), Angststörungen (3,3-fach), Posttraumatische Belastungsstörungen (2,4-fach), Suchtrisiko (2,3-fach) und erhöhtes Risiko für diverse neurodegenerative Erkrankungen (Demenz, Parkinson, Alzheimer).

Quelle: adxs.org

Schulische und Berufliche Nachteile

Betroffene von AD(H)S haben schlechtere Bildungs-Chancen und schaffen häufig nicht die ihrer Intelligenz entsprechenden Abschlüsse bzw. diese nur unter erheblicher Anstrengung.

Später ergeben sich häufiger Arbeitsplatzwechsel (oft „da sie nicht so richtig ins Team passen“). Menschen mit AD(H)S versuchen, ein subjektiv eingeschätztes Defizit ihrer Leistung durch Über-Engagement auszugleichen und machen mehr Überstunden und übernehmen häufiger Tätigkeiten ihrer Kolleg:innen.

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